Die Biologin Agnes Schärer (rechts) hofft, dass auch der Paarungsruf der seltenen Geburtshelferkröte bald am Altburghügel zu hören ist - drei neu angelegte Wasserbecken bieten ideale Laichbedingungen. Bild: Martina Kleinsorg
03.10.2025 08:00
Ein neues Zuhause für Glögglifrosch und Bienen-Ragwurz
Der Naturschutzverein Regensdorf lud am Samstag zur Exkursion zum Altburghügel. Wo zuvor ein Rebberg verwilderte, soll dank ökologischer Aufwertung bald eine Magerwiese gefährdeten Pflanzen und Amphibien wertvollen Lebensraum bieten.
Regensdorf. Rund zwei Dutzend Interessierte konnte Exkursionsleiterin Agnes Schärer auf Einladung des Naturschutzvereins Regensdorf am vergangenen Samstag am Fusse der Ruine Altburg begrüssen. Die Biologin ist Mitarbeiterin des Büros Sieber & Liechti aus Ennetbaden (AG), welches das Naturschutzgebiet Katzensee im Auftrag der Fachstelle Naturschutz des Kantons Zürich seit 2023 betreut und aktuell mit der ökologischen Aufwertung einer ehemals als Rebberg genutzten Fläche beauftragt ist. An diesem Nachmittag standen Burg-hügel und Umgebung somit nicht als historische Zeugnisse, sondern als wertvolle Naturschutzflächen im Fokus.
Vormals stark verbuscht, wurde der Hügel 2021 ausgelichtet. «Nun ist es ein interessantes Habitat mit Sträuchern im Untergrund sowie Bäumen und Totholz in der oberen Schicht», erklärt Agnes Schärer und zeigt eindrückliche Vorher/Nachher-Bilder. Dank ihrer Neigung und der südöstlichen Exposition bieten die Hänge ein hohes Potenzial für die Entwicklung artenreicher Magerwiesen. Derartige Trockenstandorte sind Lebensraum für zahlreiche gefährdete Tier- und Pflanzenarten, weshalb ihre Wiederherstellung und Neuschaffung ein Schwerpunkt des vom Regierungsrat festgelegten Naturschutz-Gesamtkonzepts ist. Eine weitere Renaturierung wurde – wenn auch nicht von Schärers Büro geplant – von der KIBAG am Vogelsang-Hügel umgesetzt. Dort, wo ab den 1920er-Jahren eine Kiesgrube in Betrieb war und bis 1972 Motocrossrennen stattfanden, wurde bis zur Auffüllung 1986 Bauschutt gelagert. Schärer reicht Luftbilder aus vergangenen Jahrzehnten herum, einige Teilnehmer erinnern sich lebhaft. «Nun ist hier eine ökologische Ausgleichfläche für den Gestaltungsplan Moosächer entstanden, wo wiederum ein ökologisch wertvoller Ruderalstandort überbaut worden ist», erklärt die Exkursionsleiterin.
Wenige Schritte weiter, am Südosthang des Altburghügels, befindet sich das eigentliche Ziel der Exkursion – eine ehemals als Rebberg genutzte Fläche, die nun ökologisch aufgewertet wird. «Hier sah es vor einem Jahr noch ganz anders aus», erinnert sich Schärer. Der Hang war von einem Dickicht aus Nadelbäumen, Sträuchern und Brombeeren inmitten verwilderter Reben bewachsen, darin ein Häuschen mit betoniertem Keller, das in Privatbesitz war. Im oberen Bereich des Hanges konnte der nährstoffreiche Boden fast gänzlich abtragen werden. «Dort soll eine Magerwiese entstehen, unten möchten wir eine artenreiche Fromentalwiese entwickeln.» Versetzte Bretterreihen dienen der Hangsicherung. Da die Bauarbeiten erst diesen Sommer stattfanden, wurde zunächst mit Sandhafer und Roggentrespe zwischenbegrünt. «Die einjährigen Gräser bilden einen dichten Wurzelteppich und verhindern Erosion, etwa durch Niederschläge», erklärt Schärer die Idee.
Stabile Wiese braucht Jahre
Im kommenden Frühsommer erfolgt eine Direktbegrünung der Fläche mit vielfältigem Schnittgut von Magerwiesen aus der Region. Für grösstmögliche Biodiversität werden Samen von Pflanzen mit früherem oder späterem Reifezeitpunkt per Hand gesammelt und anschliessend ausgebracht. «Bis es eine stabile Wiese wird, dauert es einige Jahre», weiss Schärer aus Erfahrung. «Solange sich die Vegetation noch nicht geschlossen hat, werden uns vor allem invasive Neophyten wie Berufkraut und Goldrute beschäftigen.» Zur fachgerechten Pflege gehöre der Wiesenschnitt zweimal im Jahr. Später werde man vereinzelt Brachen stehen lassen, wovon Schmetterlinge und Heuschrecken profitieren.
Ein Betonbecken, dass dem Weinbauern als Zisterne diente, durfte im Boden verbleiben und wurde um zwei Wannen aus glasfaserverstärktem Plastik ergänzt, Steine fungieren als Ein- und Ausstiegshilfen und bieten Versteckplätze. «In den Wannen lässt sich das Wasser im Winter ablassen und so frei von Seefröschen halten. Ohne Fressfeinde sind es ideale Laichhabitate für die Geburtshelferkröte, die in der Schweiz stark gefährdet ist.» In Kleinstrukturen wie Asthaufen und aus den Betonplatten geschaffenen Steinhaufen sollen sie und andere Amphibien ebenso wie Insekten Nahrung und Unterschlupf finden. Einwanderung ist möglich Primäres Ziel sei es, eine Magerwiese mit vielen verschiedenen, auch seltenen Pflanzen zu schaffen, sagt Schärer, und nennt Zielarten wie Bienenragwurz und Borstige Glockenblume. Die neue Blütenvielfalt biete zahlreichen Insekten Nahrung und Lebensraum. Bei den Pionieramphibien hoffe man auf die Geburtshelferkröte – das nächste bekannte Vorkommen liege 1,5 Kilometer entfernt. «Eine Einwanderung ist also möglich. Ob sie wirklich kommt, wissen wir natürlich nicht, doch tun wir alles dafür, dass es gelingt», sagt Schärer und spielt den Exkursionsteilnehmenden den hellen Paarungsruf der auch Glögglifrosch genannten kleinsten Kröte der Schweiz vor: «So können Sie darauf achten – er ist erstaunlich weit zu hören.» Auch die Zauneidechse gehöre zu den Zielarten.
Dank der Kiesgrube gab es in den 1970er-Jahren im Katzenseegebiet zahlreiche Amphibienarten, darunter auch solche, die heute schweizweit gefährdet und in der Region verschwunden sind, wie Gelbbauchunke, Kreuzkröte oder Kammmolch. Dass all diese Arten wieder zurückkehren, sei jedoch unrealistisch, betont Schärer. Doch mit Magerwiesen, Hecken, alten Bäumen und Mauern biete der Altburghügel ein interessantes Mosaik an Lebensräumen für verschiedene Pflanzen und Tiere. Mit den ökologischen Aufwertungen seien nun weitere Puzzlesteine hinzugekommen, welche die Altburg für noch mehr Arten lebenswert machen sollen.
Martina Kleinsorg