Bereit für eine Probefahrt: Regierungsrätin Carmen Walker Späh nimmt auf dem Rücksitz des selbstfahrenden Autos Platz – noch mit einer Sicherheitsperson an Bord. Bild: Janik Schmid
28.11.2025 08:00
Selbstfahrende Autos nehmen im Furttal Fahrt auf
Im Furttal hat das Pilotprojekt «iamo» erstmals die Bewilligung für automatisierte Fahrten im öffentlichen Strassenverkehr erhalten. Bevor Fahrgäste einsteigen dürfen, stehen nun Test- und Trainingsphasen an.
Otelfingen. Als sich am Donnerstagmorgen vergangener Woche eine Schar von Medienschaffenden vor dem Gemeindehaus Otelfingen versammeltee, rollte ein unscheinbarer Nissan Ariya lautlos vor. Doch er war alles andere als gewöhnlich: Ausgerüstet mit Kameras, Lidar und Sensoren, fährt das Elektroauto künftig automatisiert durch das Furttal – zunächst noch mit einer Sicherheitsperson am Steuer. Die Präsentation markierte den Beginn einer neuen Etappe im Pilotprojekt «iamo – intelligente automatisierte Mobilität».
Das Swiss Transit Lab (STL), die Kantone Zürich und Aargau sowie die SBB wollen mit «iamo» erproben, wie selbstfahrende Fahrzeuge den öffentlichen Verkehr ergänzen können. Das Bundesamt für Strassen (ASTRA) hat nun erstmals die Bewilligung für den Einsatz der selbstfahrenden Fahrzeuge im regulären Strassenverkehr erteilt – mit Geschwindigkeiten bis zu 80 km/h. Die autonomen Fahrten starten in den vier Furttaler Gemeinden Otelfingen, Boppelsen, Hüttikon und Dänikon und werden später schrittweise auf die weiteren Furttaler Gemeinden Buchs, Dällikon und Regensdorf erweitert. Ebenfalls sind die beiden aargauischen Gemeinden Würenlos und Killwangen Teil des Testgebiets.
Carmen Walker Späh, Volkswirtschaftsdirektorin des Kantons Zürich, sprach beim Projektstart von «einem besonderen Tag». Man beginne bewusst nicht in den Städten, sondern in der Agglomeration, weil geglaubt wird, dass das Potenzial hier noch mehr ausgeschöpft werden könne. Das Furttal eigne sich mit seiner Mischung aus ländlichen, suburbanen und stärker verdichteten Gebieten besonders gut, wie auch STL-Präsident Mathias Rödter betonte. Auf engem Raum gebe es unterschiedlichste Siedlungsstrukturen, dazu eine Bahnlinie quer durch das Gebiet – ideale Bedingungen für ein Pilotprojekt wie dieses.
Mehrwöchige Testfahrten
Bevor die Bevölkerung einsteigen darf, stehen umfangreiche Test- und Trainingsfahrten an. Projektmitarbeitende haben das Gebiet bereits detailliert kartiert; nun wird die Technologie des chinesischen Herstellers WeRide für die lokalen Bedingungen angepasst. Sie wird international seit mehreren Jahren erprobt, muss aber Schweizer Verkehrsregeln und typische Alltagssituationen im Furttal präzise umsetzen. Die Trainingsfahrten finden zu verschiedenen Tageszeiten und Verkehrsbedingungen statt und werden von einer regionalen Fahrschule begleitet.
In einer späteren Testphase sollen die Fahrzeuge erstmals ohne Sicherheitsfahrer unterwegs sein. Dann übernimmt geschultes Personal aus einer Leitstelle bei Eurobus in Regensdorf die Fernüberwachung – eine Person sitzt dort in einem Cockpit, das den Blick aus dem Fahrzeug simuliert. «Angestrebt wird, dass eine Person künftig mehrere Fahrzeuge kontrollieren kann», sagt Rödter gegenüber dem «Furttaler». Nur wenn das System Unterstützung anfordert, werde auf Einzelüberwachung gewechselt. Zum Betriebsstart sollen bis zu vier selbstfahrende Personenwagen Fahrgäste im Furttal auf einer 110 Kilometer langen Strecke mit rund 460 Haltepunkten befördern.
Über eine App sollen Fahrgäste Fahrten buchen können – als Zubringer zur Bahn oder zur Verbesserung der lokalen Mobilität. In weniger dicht besiedelten Regionen versprechen sich die Projektpartner effizientere, nahtlosere Wegeketten. Auch die SBB sehen darin Chancen. Nicolas Germanier, Leiter Regionalverkehr der SBB, betonte, dass man mit automatisierten Autos mehr Kunden auf die Bahn holen könne. Fahrzeitverkürzungen seien attraktiv, weil wertvolle Minuten gewonnen würden.
Für den Kanton Aargau wiederum zeigt Stephan Attiger, Vorsteher Departement Bau, Verkehr und Umwelt, auf, dass mit autonomen Fahrzeugen Fahrten «bis zu einem Viertelstundentakt» realisierbar würden, um möglichst viele Menschen an die Bahnhöfe zu bringen. «ÖV und individueller Verkehr werden somit verschmelzen.»
Finanziell tragen die Projektpartner ihren Teil dazu bei: Der Kanton Zürich investiert 3,8 Millionen Franken als Anschubfinanzierung, der Kanton Aargau beteiligt sich ab 2026 mit 1,9 Millionen Franken, und die SBB steuern über die maximale Projektdauer von fünf Jahren jeweils jährlich eine Million Franken bei.
Kleinbusse sollen dazukommen
Astra-Direktor Jürg Röthlisberger machte am Anlass deutlich, dass Innovation ohne Mut nicht möglich sei: «Manchmal müssen auch gewisse Risiken eingegangen werden, damit Chancen überhaupt erschliessbar sind.» Wenn Trainings- und Testphasen erfolgreich abgeschlossen sind, soll die Bevölkerung im ersten Halbjahr 2026 die ersten Fahrten buchen können. Später sollen zusätzlich automatisierte Kleinbusse dazukommen, die den bestehenden ÖV unterstützen und vorerst als On-Demand-Angebote angeboten werden – vorbehaltlich einer weiteren Astra-Bewilligung.
Fürs Erste aber rollen die Personenwagen durchs Furttal und sammeln Erfahrungen. Ein sichtbarer Schritt – oder besser gesagt ein sichtbares Rollen – in Richtung einer neuen, zukunftsweisenden Form des öffentlichen Verkehrs.
Janik Schmid